Schlaraffia Rostochiensis

Um 1900 gab es in Rostock einige Geselligkeits- und Kunstvereine, relativ bekannt sind z.B. der Altertumsverein, die Societät und der Kunstverein. Dem Anliegen von Schlaraffia kam wohl der 1890 gegründete Rostocker Dilettanten-Verein recht nah, der sich der „Pflege des theatralischen, musikalischen, gesanglichen und declamatorischen Vortrags“ widmete.

Die Schlaraffia ist eine Vereinigung zur Pflege von Freundschaft, Kunst und Humor und wurde 1859 in Prag gegründet. Der Rostocker Ableger bestand von 1897 bis 1936. In Mecklenburg gibt es momentan ein „Reych“ – in Schwerin. (siehe auch www.schlaraffia-suerina.de)

Ausgangspunkt der Rostocker Gründung war ein Vortrag des Schlaraffen Othello aus Ulm vor Mitgliedern der Freimaurerloge „Zu den 3 Sternen“ im „Rostocker Hof“. Der Vortragende begeisterte die Anwesenden und so wurde bald darauf die Schlaraffia Rostochiensis im Restaurant Reinecke (bekannter unter dem späteren Namen „Heldts Wintergarten“) in der Breiten Straße gegründet. Erstes offizielles Vereinslokal, die Burg, von den Rostockern mit Werleburg bezeichnet, wurde das Lokal Krumreich in der Bleicherstraße. Die eigentliche Werleburg stammt aus slawischer Besiedlungszeit. Erhalten geblieben ist in der Nähe von Malchow der Burgwall. 1905 wurde die Rostocker Werleburg ins Restaurant Reinecke verlegt.
Ab ca. 1918 wurde die Etage über dem Restaurant Lichtenhainer in der Langen Straße 7 als Burg genutzt.
Folgende Ansichtskarte zeigt das Vereinslokal:

Aufnahme: Fritz Blohm´; 1919 gelaufen

Aufnahme: Fritz Blohm; 1919 gelaufen

Gut zu erkennen ist die Vielzahl von Uhus, der das Symbol der Schlaraffen ist. Auf der Tafel in der Bildmitte stehen die Mitgliedsnamen. Die Mitglieder waren „Ritter“ und trugen mehr oder weniger sinnige Namen wie z.B. Sternkieker und Ratzeputz, aber auch Richard oder Hermann.
Der Rückseite der Karte lässt sich entnehmen, dass sie zur 600. Sippung, also zur 600. Zusammenkunft des Vereins im Jahr 60 nach der Prager Gründung 1859 – also 1919 geschrieben wurde.

Rückseite obiger Ansichtskarte; Ausschnitt

Rückseite obiger Ansichtskarte; Ausschnitt

Von 1923 bis 1936 nutzte die Rostocker Schlaraffia das Walldienerhaus hinter dem Rathaus als Vereinssitz.
Der Verein hatte sich zur Anmietung des Hauses an den Eigentümer, die Stadt Rostock gewandt, und schilderte das Anliegen des Vereins: „Wir verfolgen rein gesellige und künstlerische Bestrebungen und ist der Charakter unserer Vereinigung dem der Logen ähnlich.“
Der Mietvertrag begann am 01.07.1923, am 17.11.1923 fand die „Burgweihe“ statt. Die zu diesem Anlass gedruckten großformatigen Einladungen begannen mit diesem Text: „Wir durch UHUS Gunst und Seiner Ritter Willen erkürete Oberschlaraffen des illustren Reyches Rostochiensis allezeyt Mehrer des Geistes, Schirvoygte der Lustbarkeyt, Gebieter sämmbtlich Lande bis an das Weichbild Suerinae, Strelasundiae, Novi Strelitii und Lubeccae, Zwingkherrn der Veste Kitzin, der Hundesburg, der Umwallung derer festen Stadt Rostock und der Drachenbastey zu Dömitz, geforchtete Kummandanten der Werleburg …“

Ansichtskarte; ungelaufen

Ansichtskarte; ungelaufen

Um 1930 war das Walldienerhaus in einem so schlechten baulichen Zustand, dass die Sippungen (Sitzungen) im Ratskeller stattfinden mussten.
Folgend seien einige Männer genannt und kurz vorgestellt, die Mitglieder der Schlaraffia Rostochiensis waren.
In den Akten im Stadtarchiv war der Name Max Netzel am häufigsten zu lesen. Netzel war Kaufmann und betrieb von ca. 1900 bis ca. 1916 einen Einzelhandel mit Galanterie-, Bijouterie- und Leder- und Spielwaren in der Kröpeliner Straße 39 und anschließend bis ca. 1930 einen Großhandel für Galanterie-, Papier- und Lederwaren in der Prinzenstr. 4.

Kröpeliner Straße um 1910, das Firmenschild von Max Netzel ist rot eingefärbt; Ansichtskarte, Ausschnitt

Kröpeliner Straße um 1910, das Firmenschild von Max Netzel ist rot eingefärbt; Ansichtskarte, Ausschnitt

Zum Zeitpunkt der Anmietung des Walldienerhauses Anfang der 1920er Jahre waren außerdem bei der Schlaraffia aktiv:
Richard Dittmann, Hof-Lieferant für Uniform-Ausrüstungen, Effekten, Herren-Garderoben, auch für Jagd und Sport. Er fertigte auch nach Maß und hatte 1920 sein Geschäft in der Ulmenstr. 33. Alfred Oppel war 1924 als Kunstmaler und Dekorationsmaler am Stadttheater im Adressbuch verzeichnet. Zur selben Zeit hatte Max Arnold ein Reklame- und Inseratenbüro in der Alexandrinenstraße, Wilhelm Wassermann führte eine Maschinenfabrik für landwirtschaftliche Geräte am Alten Markt und Hugo Ernst Korte war Handelsvertreter für Drogen, Farben und verwandte Branchen.
Im Jahr 1933 war Friedrich Buller Vorsitzender der Rostocker Schlaraffia. Noch im 19. Jahrhundert hatte er von seinem Vater die Leitung der Firma E. Crull, einem traditionsreichen Herrenbekleidungsgeschäft in der Strandstraße übernommen.

Briefkopf, 1919 gelaufen

Briefkopf, 1919 gelaufen

Aus anderen Quellen ist bekannt, dass der Rostocker Intendant des Stadttheaters Ernst Immisch um 1930 Schlaraffe war. Sein Rittersname: Amor der Schlafwagenkontrolleur. Die Mitgliedschaft von Theaterschauspielern und –musikern war typisch für die Schlaraffen. Auch in Rostock waren Opernsänger, Konzert- und Kapellmeister, Musiker und Schauspieler aktiv.
Zum Ende des Jahres 1936 wurde der Mietvertrag für das Walldienerhaus einvernehmlich aufgekündigt, wohl auch weil die Schlaraffia mittlerweile von den Nationalsozialisten schikaniert wurde. Ob es eines Verbots durch die Nazis bedurfte oder ob sich die Schlaraffia Rostochiensis selbst auflöste ist nicht überliefert.

Walldienerhaus, Aufnahme von 2014

Walldienerhaus, Aufnahme von 2014

 

 

 

 

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