Ilse Lemmerich

Der Name Lemmerich ist den Rostockern als Gerberdynastie ein Begriff. Der Gerbermeister Christian Lemmerich (1862-1932) gehörte dazu. Mit seinen Brüdern Erhard und Hermann führte er die Lederfabrik Hans Lemmerich.

Briefkopf einer Rechnung von 1927

Christian Lemmerich war verheiratet. Aus der Ehe mit Marie geb. Bade gingen vier Kinder hervor, drei Söhne und eine Tochter.
Ilse Lemmerich wurde 1895 geboren.

Ilse (links) und ihr Bruder Hermann (*1897). Reproduktion einer Aufnahme von 1899.
Ilse und Vater Christian Lemmerich, 1918.

Ihre fotografische Ausbildung erhielt Ilse Lemmerich in Berlin. Seit 1866 gab es dort den von Wilhelm Adolf Lette gegründeten Verein zur Förderung der Erwerbstätigkeit des weiblichen Geschlechts, kurz Lette-Verein. Zu Ausbildungsberufen vornehmlich in den Bereichen Handel und textiles Gewerbe kamen bald auch andere, z.B. Telegraphistinnen und Diätassistentinnen hinzu. Im Jahr 1890 wurde am Letteverein die Photographische Lehranstalt gegründet. Die Ausbildung gliederte sich in zwei Berufsrichtungen: Fachfotografin und die wissenschaftliche Fotografin, also z.B. Röntgenografin. Die Ausbildung war so gut, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den Fachzeitschriften des fotografischen Berufsstandes eine bessere Ausbildung für die anderen – ganz überwiegend männlichen – Lehrlinge gefordert wurde. Für die mehrjährige Ausbildung war ein Schulgeld zu entrichten.

Der Tochter eine Ausbildung zu finanzieren und ihr so den Weg in die finanzielle Unabhängigkeit zu ermöglichen, war um 1920 keine Selbstverständlichkeit.

Ilse Lemmerich, wohl 1920er Jahre. Foto: Otto Kurt Vogelsang, Stolp i.P.

Ilse Lemmerich bezeichnete sich nicht als Fotografin, sondern als Lichtbildnerin. Ihre Lichtbildwerkstätte eröffnete sie im elterlichen Haus in der Altschmiedestraße 5 in den Jahren 1926 oder 1927. Im Jahr 1928 findet sich die Firma im Namensteil des Adressbuches, ab 1931 dann auch im Gewerbeteil.

Student, 1935 datiert
Rückseitiger Stempel, vergrößert dargestellt

Ilse Lemmerich verkehrte in den Künstlerkreisen von Rostock und Ahrenshoop. Diese Bekanntschaften spiegeln sich auch in ihren Werken wider.

Marta Adam als „Amneris“, rückseitig 1936 signiert

Marta Adam war in den 1920er und 1930er Jahren eine renommierte Altistin. (Die Rolle der Amneris in „Aida“ ist allerdings für einen Mezzosopran geschrieben.)

Carlfriedrich Pistor, Musiker und Komponist. Rostocker Anzeiger, 27.09.1931
Hans Emil Oberländer: Entwurf für ein Wandbild in der neuen Schule Dierkow. Kommunalpolitische Schriftenreihe der Seestadt Rostock, Heft 12, 1940

Das Wohn- und Arbeitshaus in der Altschmiedestraße wurde 1942 zerstört. Ab 1943 findet sich die Lichtbildwerkstätte in der Alexandrinenstraße 88/89, später in Blücherstraße umbenannt. Vor dem Haus stand ein Schaukasten.

Ilse Lemmerich bei der Reproduktion eines Museumsplakats

Anfangs der 1950er Jahre fotografierte Ilse Lemmerich in der Werkstatt der Bildhauerin Margarete Scheel die Figuren für die Giebelgestaltung des Studentenwohnheims in der St.-Georg-Straße.

Linke Figur, rechts unten mit Bleistift signiert: Ilse Lemmerich, Rostock
Mittige Figur
Rechte Figur
Giebel des Studentenwohnheims in der St.-Georg-Straße. Ausschnitt einer Postkarte des Heldge-Verlags von 1957

Und noch zwei Beispiele, die deutlich machen, warum Ilse Lemmerich sich Lichtbildnerin nannte.

Kati Rupp. Gymnastiklehrerin
Rückseitiger Stempel
Wolfgang von Gronau. Luftfahrtpionier, Wehrmachtsgeneral.

Am bekanntesten von Ilse Lemmerich ist eine Postkarten-Serie der Schwimmhalle „Neptun“, die kurz nach der Eröffnung 1955, spätestens 1956, aufgenommen wurde. Eine Auswahl:

Schwimmhalle „Neptun“. Außenansicht.
Rückseite
Schwimmhalle „Neptun“. Eingangshalle
Schwimmhalle „Neptun“. Gymnastiksaal
Schwimmhalle „Neptun“. Halle mit Tribüne
Schwimmhalle „Neptun“. Freischwimmbecken

Als Fotografenmeisterin bildete Ilse Lemmerich einige Frauen zur Fotografin aus. Brunhild Pflug geb. Brandt war ihre letzte Auszubildende.

Ilse Lemmerich war nach Aussagen von Nachfahren eine selbstbewusste, selbstständige und kommunikative Frau. Sie war nicht verheiratet, hatte keine Kinder. In der Nachkriegszeit betreute sie zeitweise die Kinder eines ihrer Brüder.

Ilse Lemmerichs Nichten Anne und Ilsabe

Im Jahr 1966 übernahm Gerhard Vetter jun. (1949-2020) die Lichtbildwerkstätte von Ilse Lemmerich. 1987 zog Gerhard Vetter mit seinem Atelier in die Wokrenter Straße.

Ilse Lemmerich starb 1981 in Rostock.

Ich danke den Nachfahren von Ilse Lemmerich für die zur Verfügung gestellten Bilder und Informationen.

Ilse Lemmerich. Foto: Gerhard Vetter jun.