August Best – Zugaben

Zu August Best haben sich einige Quellen gefunden, die hier ausführlich wiedergegeben werden, weil sie interessante Einblicke in das gesellschaftliche und Berufsleben eines Fotografen geben. Außerdem streife ich das Thema Gebrauchsmusterschutz. Und am Ende sind zwei Plaudereien von August Best nachzulesen, die für Rostocker besonders vergnüglich sein dürften.
Wolfgang Baier zitiert in seinem Buch “Welch herrliches Hell-Dunkel“ aus der Deutschen Photographen-Zeitung des Jahres 1882 eine Plauderei von August Best aus dem Atelier-Leben. Neben den im Buch abgedruckten Zitaten ist der Beginn des Textes von August Best sehr lesenswert, da er einen Einblick in die „Arbeit“ des Photographen gibt: „Es war des Mittags im Sommer, als ich, wie die Spinne im Netze auf eine Fliege wartend, in meinem Empfangszimmer sass. Ich war eigentlich zufrieden mit mir und auch mit Anderen; denn meine Negative waren retouchirt und im Garten hinter mir lagen die Copirrahmen einer frischen, sonnigen Tageshelle ausgebreitet.“[1]
Sowohl auf den Negativen als auch auf den fertigen Fotos wurde oft „retouchirt“, also nachgebessert: Haarverlängerung, -verdichtung, Verschlankung der Hüfte und sehr oft das Nachmalen der Pupillen. Bei Landschaftsaufnahmen wurden z.B. Bäume und Buschwerk mit etwas mehr Struktur versehen, indem helle Äste und Zweige hinzugefügt wurden.
Kopierrahmen gab es in verschiedenen Formen und Größen: „… der Kopirrahmen besteht im Wesentlichen aus einer in einem Holzrahmen gefassten Glastafel von starkem Spiegelglase, das frei von größeren Schlieren etc. ist. Auf diese Glasplatte wird das Negativ, mit der Rückseite nach unten, gelegt und mit dem empfindlichen Papier so bedeckt, dass die empfindliche Seite des Papiers mit der Bildseite des Negativs in innigste Berührung kommt.“[2]

Von der 1885 stattgefundenen XIV. Wanderversamlung des Deutschen Photographen-Vereins in Heidelberg berichtete ausführlich die Heidelberger Zeitung, erstmalig am vom 28. August. Zwei der drei zur Ausstellung erschienen Artikel werden vollständig hier veröffentlicht. (Im dritten Artikel wird über einen Empfang der Vereinsmitglieder durch den Heidelberger Bürgermeister berichtet.)
„Die Ausstellung von Photographien und für photographische Zwecke nothwendiger Utensilien in der „Harmonie“ ist eine ebenso reichhaltige als ausgewählte, und gibt ein glänzendes Bild von den gewaltigen Fortschritten, welche die photographische Wissenschaft in neuerer Zeit gemacht und von dem Eifer und dem großen Erfolg, mit dem die deutschen Photographen die wissenschaftlichen Errungenschaften praktisch zu verwerthen wußten. Das Ausgestellte einzeln aufzuführen ist schon wegen der Menge des Gebotenen unmöglich; noch weniger kann es in unser Absicht liegen, eine kritische Betrachtung des Gebotenen zu versuchen, da, wie bereits gemeldet, am Sonntag die Verkündigung der Commissions- und Preisgerichtsurtheile eine authentische kritische Würdigung bringen wird. Wir müssen uns begnügen, aus der Fülle des Gebotenen Einzelnes hervorzuheben, was besonders in die Augen fällt und können im Uebrigen nur den Besuch der Ausstellung, der bekanntlich von Sonntag an dem Publikum freisteht, als einen genuß- und lehrreichen empfehlen. Die Ausschmückung des Raumes ist geschmackvoll; in der hinteren Ecke findet sich inmitten von immergrünen Gewächsen, dem Besucher als ansprechender Hintergrund sofort in die Augen fallend, dieBüste unseres Großherzogs, ebenso in der Mitte der Längswand die Büste des Kaisers. Die Fenster sind mit durchscheinendem Papier verklebt, wodurch eine angenehme gleichmäßige Beleuchtung erzielt wird. Unter den ausgestellten Bildern ist, wie es in der Natur der Sache liegt, das Portrait besonders reichlich vertreten. Brustbilder von Lebensgröße bis zum Visitenkartenformat sind in vorzüglichster Ausführung zu erblicken. Unter den lebensgroßen und fast lebensgroßen Portraits fallen besonders auf solche von A. Strater (Krefeld), F. Tellgmann (Mühlhausen i. Th., Officiersporträt), Herfurth (Merseburg, ein Geschwisterpaar), Katharina Culie (Frankfurt a.M., General, 2 Damenportraits). Von Gruppenbildern erwähnen wir eins von Fr. Müller (München), 6 Geschwister darstellend, ferner eine Studentenverbindung von E. Schulze (Heidelberg). Porträts in verschiednen Größen haben ausgestellt: K. Ruf (Freiburg und Mannheim), Fr. Langbein (Firma A. Pauli u. Co., Heidelberg), der sich wie das Centralcomite durch das geschickte und geschmackvolle Arrangement der Ausstellung, als Vorsitzender des hiesigen Lokalcomites, besondere Verdienste erworben hat, Karl Dittmar (Landshut), Schmidt (Frankfurt a.M.), Rudolph (Hof); H. D. Klein (Lahr) hat außer Portraits eine Anzahl von Landleuten in ihrer Nationaltracht photographirt. Architectonische Aufnahmen begegnen uns von Carbonnier (Braunscheig), Metzner (Cottbus, Dampfkesselexplosion), C. Lange (Heidelberg, Schloß, außerdem Neckarlandschaften); Obernetter hat Portraits, Landschaften in vergrößertem Maßstabe auf Papier übertragen, M. Schaller (Stuttgart) bringt Landschaften aus Schwaben. Momentbilder hat u.a. Aug. Best (Rostock, Strandbilder) und E. Uhlenhuth (Koburg, Thierbilder) ausgestellt. Erwähnenswerth sind ferner die künstlerisch ausgeführten Rahmen von Münchenhagen (Berlin). Außer dem Angeführten, das auf Vollständigkeit natürlich ganz und gar keinen Anspruch macht, finden sich eine große Menge von Photographien, die unter gewissen Bedingungen in Bezug auf Größe hergestellt sind. Das Angeführte genügt jedenfalls, um die Reichhaltigkeit des Ausgestellten ins rechte Licht zu stellen, und empfehlen wir daher nochmals, den Besuch der Ausstellung nicht zu versäumen.“
„Heidelberg, 31. Aug. (XIV. Wanderversamlung des Deutschen Photographen-Vereins.) In der dritten und letzten Sitzung am Samstag hielt Herr Belitzki – Nordhausen einen interessanten Vortrag über das Emulsionsverfahren; außerdem wurde beschlossen, daß die nächste Jahresversammlung in Braunschweig stattfinden soll. Wegen des eingetretenen Regenwetters mußte leider das Vergnügungsprogramm beschränkt werden; es fand nur eine Besichtigung des Schloßinnern und der städtischen Sammlungen daselbst unter der sachverständigen Führung des Herrn Rath Mays statt. Wegen des Regenwetters mußte auch die auf Sonntag Nachmittag geplante Fahrt nach Kümmelbacher Hof und Rückfahrt per Kahn auf dem Neckar aufgegeben werden. Statt dessen versammelte man sich im Restaurant Ickrath, wo die Verkündigung der Commissions- und Preisgerichts-Urtheile stattfand. Demnach erhielt aus der Kindermannstiftung die goldende Medaille: Wettern – Hamburg; die silberne: Fräulein Culie – Frankfurt; die broncene: Müller – Reichenberg. Der Ehrenpreis der Steinheilstiftung wurde v. Flottwell – Magdeburg, der aus der Martinistiftung Dittmar – Landshut (Bayern) zuerkannt. Aus den allgemeinen Vereinsausschreibungen wurde keine goldene und keine silberne Medaille verliehen. Broncene Medaillen erhielten für Poirtrait: Ruf – Freiburg und Mannheim, Strater – Crefeld, Tellgmann – Mühlhausen, Fräulein Culie – Frankfurt; für Momentaufnahmen (Portrait und Landschaft): Uhlenhut – Coburg; für Landschaft: Lange – Heidelberg. Vereinsdiplome wurden zuerkannt an: Best – Rostock, Schaller – Stuttgart, Obernetter jun. – München, Dittmar – Landshut (Bayern), Schmitt – Frankfurt, Schulze – Heidelberg, , Pauli u. Co. – Heidelberg, Rudolf – Hof. Außerdem erhielt eine broncene Medaille für phototypische Arbeiten und Reproductionen: R. Schuster – Berlin. Für vorzüglich Ausführung photographischer Utensilien wurde ausgezeichnet mit einer broncenen Medaille: Münchenhagen – Berlin, durch ein Diplom: O. Schröder – Berlin und Spangenberg – Wiesbaden. – Nachdem hiermit der officielle Schluß der Wandversammlung stattgefunden, blieb man bei behaglicher Unterhaltung, welche durch Vorträge und Musik belebt wurde, beisammen, bis Abends gegen neun Uhr, nachdem sich das Wetter glücklicher Weise aufgeklärt hatte, die Schloßruine im bengalischen Lichte erstrahlte, ein Anblick, welcher nicht verfehlte einen gewaltigen Eindruck auf die Festtheilnehmer zu machen und der als würdiger Schluß der Wanderversammlung dazu beitragen wird, Alt-Heidelberg den Festgenossen unvergeßlich zu machen.“

Die Auszeichungen wurden auf den Rückseiten der Untersetzkartons verewigt. Hier ein Beispiel von Carl Dittmar aus Landshut, der auch in Heidelberg ausgezeichnet wurde. Die Heidelberger Auszeichung ist mittig über dem Namen des Fotografen angeordnet.
Auf der Hauptseite zu August Best hatte ich bei obigen Untersetzkarton darauf hingewiesen, dass dieser von Lindner in Berlin hergestellt wurde. Diese Art der Gestaltung des Kartons von Lindner war um 1890 recht beliebt. Hier ein Beispiel aus Chemnitz:
Die grundlegende Gestaltung ist mit der obigen Pappe von Best weitestgehend identisch. Es ließen sich weitere nahezu identische Beispiele anführen, bei denen allerdings nicht nachvollziehbar ist, wo die Kartons hergestellt wurden. Beim Hamburger Fotografen Wittrock findet sich sogar die Hamburger Firma Stolze & Stuck als Hersteller.
Zwar gab es seit 11. Januar 1876 das Gesetz betreffend das Urheberrecht an Mustern und Modellen, aber es ist zu vermuten, dass sich nicht jeder daran hielt. Das Gesetz zum Schutz der Photographien gegen unbefugte Nachbildungen war einen Tag zuvor vom Reichstag beschlossen worden; glücklich wurden die Fotografen damit nicht so recht.

Nun zu den Plaudereien aus dem Atelier-Leben von August Best, erschienen in den Nummern 19 und 20 der Deutschen Photographen-Zeitung 1882.

„Nicht immer verläuft die Sache des Bildermachens, wenn man das Glück oder Unglück hat, Photograph zu sein, so ganz glatt ab. Die Photographie hat auch ihre Kobolde, welche derselben einen Streich spielen, selbst dann noch, wenn man glaubt, dieselben seien daheim. — Ich photographirte heuer eine alte Jungfer, nach meiner unmaassgeblichen Taxation an Jahren zwischen 40 und 60, die Grenze verwischt sich hier. Sie sah aus wie ein überkommenes weibliches Fragment aus den ersten hinter uns liegenden Decennien unseres Jahrhunderts; denn ihre „gräulichen” Locken wackelten bedenklich an ihren Schläfen und um die dürren Finger hingen im Laufe der Jahre zu gross gewordene „Haarringe”.
Ich will’s nur gleich gestehen, ich photographirte diese Antike nicht, trotzdem wir beiderseitig dazu den ernsten Willen hatten. Sie kam aus der Kirche, was mir ihr in den mageren Händen gehaltenes Gesangbuch und auch ihr trauernder, dunkler Anzug verriethen. —
Die Dame sah wirklich echauffirt aus. „Ach, wenn ich nur still sitze, ich bin so angegriffen, so heiss! wollen wir auch lieber auf einen anderen Tag warten?!“
Aber der nimmersatte Geschäftsmann denkt, besser einen Sperling in der Hand, als zehn auf dem Dache, oder die andere Variante: Was nachkommt beisst der Wolf.
Ich sprach der alten Dame zu: „Das Wetter sei gut“, um so mehr! Schliesslich erreichte ich, dass sie vor einem „kirchlich aussehenden Hintergrund“ Platz genommen hat, dass oft „missbrauchte“ Buch in der Hand. Auf ihrem Gesicbte lagen sichtlich noch die feierlichen Eindrücke der zuletzt gehörten Worte des Predigers zu St. Jacobi. —
„So, bitte, halten Sie ja recht still, das ganze Gelingen Ihres u. s. w.“ —
Allerdings, Alles still, wie in einer Kirche, feierlich! — Ich exponirte —
Aber, o Gott, was sehe ich? — täuschen mich wirklich meine sonst so zuverlässigen Augen? was sehe ich seitlich schielend?! was geschieht? spukt es?! — Ja, es muss nicht ganz richtig sein. Eine Gänsehaut, nein, zwei liefen mir über den Buckel!
— — Die Wand hinter ihr — der Hintergrund — neigte sich complimentirend zu mir!! Sie wurde schneller und schlug zunächst dumpf auf den Kopfhalter hinter der Person, und dann stürzte sich dieselbe auf die Dame, diese durch die klaffende Spalte hindurchlassend! —
Ich war vor Schrecken ganz lahm und unmöglich zur Thätigkeit und zum Denken! — Gottlob, es war vorüber! — Die Alte sass, wie der steinerne Gast so gerade, wie vorher mit dem Gesangbuche in der Hand. Um sie lag der Hintergrund mit klaffender Wunde, seine unbemalte Rückseite uns ironisch zukehrend. Aber sie, blass wie Kalk, sagte nichts, und ich? — ich weiss nicht, ob ich als Pendant zu ihr roth aussah, genug, ich sagte auch nichts. Sie ging — „und ward niemals mehr gesehen!““

Und hier die zweite Plauderei:
„Ich bin kein „Hofphotograph“ — welche Vacanz mir wahrscheinlich noch offen steht — aber auch kein Schund- und Schnellphotograph — (ich bitte, mir dies zu glauben) und doch mitunter ein Verbrecher-Photograph. — Die Polizei, die mich wiederholt in Strafe genommen, wenn ich meine Schaukästen während kirchlicher Feier den flanirenden Commis, die zu solcher Zeit die strenge Innehaltung der Sabbathsfeier segneten, frech hatte hängen lassen, war mir trotzdem geschäftlich gewogen, da sie ihr Contingent von Verbrechern, oder die es werden -wollten, immer bei mir photographiren liess. Manus manum lavat, dachte ich und mochte sie denken, — — Es war mitten im kalten Winter, als ich wiederum mich eines polizeilichen Auftrages entledigen sollte. Die kalten Tage hatten die Scheiben des Ateliers mit Eisblumen bemalt, und der in der Ecke glühende Ofen kämpfte vergebens gegen sie an. Man führte zu solcher Zeit einen Dieb, der „im Verdachte gestohlen zu haben“ stand, mir zu, und eine doppelte Besatzmannsehaft imponirte mir für die Gefährlichkeit dieses Individuums. Seine nackten Füsse staken in geflochtenen Binsenpantoffeln und dünne, leinene Gewandung sollten den frierenden Körper schützen. — Wirklich eine Jammergestalt! — Ich sah mir berufsmässig erst im Atelier die Person genauer an. Ich war erstaunt über dieselbe! —
„Sie also hier, unter solchen Umständen, wie’s möglich !!“ „Ja, sehen Sie, ich werde Sie als Zeuge aufrufen, ob ich nicht als ehrlicher Mann bei Ihnen Kitt*) verkauft habe, und nun hat man mich des Silberdiebstahls, der gerade zu meiner Zeit hier geschehen ist, verdächtigt — — aber man muss mich freigeben, und ich bestelle für mich 1/2 Dutzend von diesen Bildern, die Sie jetzt in einem anderen Auftrage liefern müssen!“ — Ich bedauerte den jungen Mann. — Darauf photographirte ich, und er that seine Schuldigkeit.
Demnächst — die Polizei hatte diesmal Eile — entledigte ich mich meines Auftrags gegenüber der Behörde, war aber zugleich, der Ueberzeugung für die Unschuld voll, so leichtsinnig, auch ein 1/2 Dutzend dem Unschuldigen copiren zu lassen. —
Die Bilder lagen zur Abholung bereit — sehr lange, so lange, bis ich eines Tages aus der Zeitung erlas, mein Kittverkäufer sei nicht allein des hiesigen Silberdiebstahls überführt, sondern derselbe habe auch in Hamburg und Altona schwere Einbrüche verübt. —Nun erst wanderten seine 6 Bilder in’s Feuer; er aber sass längst im Gefängniss, seine Erlebnisse, Zeit genug, zu überdenken, und gewiss wird er auch mich — den gutmüthigen Photographen — in die Kreise seiner Erinnerung gezogen haben. —
*) Es war richtig.“

 

 


[1] Deutsche Photographen-Zeitung 1882, S. 115

[2] Buehler, Otto: Atelier und Apparat des Photographen, Weimar 1869, Reprint Hannover 1994, S. 191

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